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Babys tragen – Worauf kommt`s an und wann macht eine Trageberatung Sinn?

 

Babys sind Traglinge. Bäm! Hört sich das für dich irgendwie merkwürdig an und du denkst “Hä? Wir sind doch keine Tiere!”?Ich will dir erklären, was diese Aussage zu bedeuten hat.

 

 

Schieben statt schleppen

 

Es gibt ja die abstrusesten Ammenmärchen und Ratschläge rund ums Tragen. Mitunter, dass das Schieben (im Kinderwagen) doch viel besser sei, als sein Kind die ganze Zeit rumzuschleppen. Dabei entstand der erste Kinderwagen erst um 1840 in England (Verrückt, wie hat es die Menschheit nur bis dahin geschafft, die noch nicht laufen könnende Brut zu transportieren? *Ironie off*). Ok, kurz zuvor wurden die Babys auch gerne – selbstverständlich nur bei den Wohlhabenden – mit dem Stubenwagen von Zimmer zu Zimmer gefahren. Wenn ein Kinder nur von einem Raum zum nächsten geschoben und auch außerhalb des Hauses lediglich zum flanieren spazieren gefahren wurde, kann man sich wohl leicht denken, dass es sich hier nicht um eine Variante handelte, den Nachwuchs möglichst bequem und einfach von A nach B zu transportieren. Vielmehr erfüllte der Stubenwagen oder spätere Kinderwagen den Zweck, eine Distanz zwischen Eltern und Kind zu schaffen. Die Babys sollten nicht „verzärtelt“ werden, da dies hinderlich für die „Aufzucht“ von gehorsamen Bürgern/Soldaten war. Heute ist wissenschaftlich belegt, dass viel körperliche Nähe das Urvertrauen stärkt, aus dem Selbstverstrauen wächst. Sprich: wer früh in die Eltern-Kind-Bindung investiert, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder an Selbstwertgefühl dazu gewinnen.

 

Bindung verleiht Flüüüüügel…

 

Selbstständigkeit war zu der Zeit damals nicht so hoch im Kurs. Gewollt waren gehorsame Soldaten, aber keine selbstbewussten, starken Freidenker.

 

Tragen ist artgerecht

 

Artgerecht? Bitte was? Es geht also doch um Tiere? Nein, auch bei Menschen (die ja im Grunde tatsächlich auch Tiere, nämlich SäugeTIERE sind) darf man ruhig von artgerecht sprechen.

 

Und auch wenn wir mittlerweile in vielen Teilen der Welt hoch technologisiert sind, kommen auch in unseren Breitengraden Menschenkinder mit den selben Instinkten zur Welt wie vor tausenden von Jahren. Sie wissen einfach nicht, dass wir in behüteten Verhältnissen leben, sie nicht erfrieren oder von Tieren gefressen werden, wenn sie abgelegt werden. Gleiches gilt übrigens auch für die Nacht. Eine eigene Höhle für`s Kind, welches körperlich nicht mal in der Lage dazu ist, zu flüchten, gab es damals nämlich auch nicht. Der Mensch ist/war ein Nomade und somit sind Babys es „gewohnt“, überall mit hingeTRAGEN zu werden. Bestenfalls mit dem Nahrungsversorger, was idR die stillende Mutter darstellt. Ergo: macht ein Baby (lautstark) auf sich aufmerksam und will hochgenommen und getragen werden, ist das kein böser Wille, sondern ziemlich clever! Denn es dient der Arterhaltung.

 

 

Nesthocker oder Nestflüchter?

 

Nesthocker kenne wir alle. Das sind z.B. Vögel oder Kaninchen, die frisch geschlüpft oder geboren erstmal in ihrem Nest oder ihrer Höhle verweilen, bis sie groß, stark und behaart/gefiedert genug sind, um mit ihrer “Herde” in die weite Welt hinaus zu gehen. Da der Mensch, wie oben schon erklärt, von Natur aus ein Nomade ist, zählt er also nicht zu der “faulen Sippe”, die es sich die ersten Tage/Wochen/Monate im Schutz der Bäume oder des Baus gemütlich machen.

 

Zu den Nestflüchtern zählen z.B. Huftiere wie Pferde, Giraffen oder Schafe. Die bringen mal eben so im stehen (o.k. auch für diese Mamas ist eine Geburt sicher nicht ein “mal eben so” Erlebnis, aber für uns wirkt es doch in Dokumentationen oft so, oder?) zur Welt, schlecken ihren Nachwuchs ab, dieser stellt sich auf die Beine und ist sofort bereit für die mögliche Flucht vor fiesen Jagdtieren. Menschenbabys kommen total unmobil zur Welt. Bis sie ihrer Herde folgen können, vergeht idR gut ein Jahr. Damit dürfte geklärt sein, dass wir auch nicht zur Gattung Nestflüchter gehören.

 

 

What about Tragling?

 

Der Begriff stammt aus den 1970er Jahren und betitel somit die Lebewesen, die sich weder der Kategorie Nestflüchter, noch Nesthocker unterordnen lassen. Und selbst der Beriff Tragling kann noch in 2 Kategorien eingeteilt werden:
Passive Traglinge und aktive Traglinge.

 

Zu den passiven Traglingen zählen z.B. Kängurus. Dieser fellige Beutel ähnelt vielleicht einem Tragetuch, bleibt aber für immer dort und hat eine vollausgestattete Versorgungsstation im Inneren. Die Tiere kommen noch unfertiger zur Welt als Menschenkinder und reifen somit noch laaaange in Mamas Beutel nach. Die 2. Gebärmutter sozusagen.

 

Zu den aktiven Traglingen zählen Affen. Die Säuglinge kommen zwar noch relativ unmobil zur Welt, sind aber von ihren Organen und Gliedmaßen schon so weit ausgereift, dass sie im Leben außerhalb des Mutterleibs zurecht kommen. Aber eben nicht allein. Hast du einmal eine Affendoku gesehen oder warst im Zoo? Kleine Affen halten sich an ihren Mamas fest und diese gehen ihrem normalen Tagesgeschäft nach. So wie, ja wie wohl? Wie wir Menschen. Und da wir ja mittlerweile wissen, dass der Homo Sapiens von den Affen abstammt, ist wohl auch klar, zu welcher Gattung Tragling der Mensch gehört. Bingo! Wir sind aktive Traglinge. Dummerweise sind uns über die Jahre die Haare abhanden gekommen und somit ist es unserem Nachwuchs nicht mehr möglich, sich aktiv an uns zu klammern. Aber genau diese Reflexe werden bei den ersten Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt begutachtet. Greifreflexe der Hände und Füße, Anhockung der Beine…

 

 

Gute Trage – schlechte Trage

 

Wie soeben gelernt sind wir Menschen eigentlich aktive Traglinge. Dank fehlender Körperbehaarung geht das aber nicht mehr, also brauchen wir eine Tragehilfe, die das Baby in seiner natürlichen Haltung des aktiven Traglings unterstützt.
In Foren, Facebookgruppen und Elternkursen wird zuweilen hitzig diskutiert, wie eine geeignete Tragehilfe auszusehen hat. MMn völlig zu Unrecht! Jede Tragemöglichkeit, sei es nun ein Tuch, Mei Tai oder eine klassische Komforttrage erfüllt schon mal einen Zweck: Dem Baby die Möglichkeit auf einen artgerechten Start ins Leben zu ermöglichen! Bei allen Werbeslogans, Tragehilfenrankings oder Ratschlägen sollte das bitte niemals außer Acht gelassen werden.
Ja, es gibt Tragehilfen auf dem Markt, die vor vielen Jahren eine super Alternative zum Tragetuch (was für einige Eltern nicht stimmig genug war/ist) darstellten und heute von anderen Herstellern und Neuerungen überholt wurden. Aber auch diese, so wie wir heute wissen, nicht mehr so dollen Tragehilfen haben und hatten den oben beschriebenen Zweck und nicht, wie leider oft im www behauptet wird, Babys nachhaltig zu schädigen. Gute Trage, schlechte Trage gibt es also nicht 😉

 

 

Worauf kommt es an?

 

Im Grunde gibt es nur 4 Do´s, auf die du achten musst, um dein Baby sicher und gesund tragen zu können. Ob nun in einem Tragetuch, oder einer (bestimmten) Tragehilfe ist dabei nebensächlich. Bzw. findest du, wenn du diese 4 Facts “abarbeitest” schnell heraus, welche Trage oder Bindeweise geeignet ist.

 

  1. Dein Baby muss atmen können! Das A und O beim Tragen (und generell). Der Kopf, speziell die Nase deines Babys sollte also nicht unter einer Tuchbahn oder in der Tragehilfe versteckt sein.
  2. Dein Baby sollte im ganzen gut gestützt sein! Es sollte nicht hin und her wackeln oder gar an den Seiten der Tragehilfe hinausfallen können und sollte auch nicht in sich zusammen sacken, was nämlich wiederum Punkt 1, sprich die Atmung, behindert.
  3. Dein Baby sollte den Rücken runden können. Achtung: wir sprechen hier nicht von einem krankhaften Rundrücken, sondern einem gerundeten Rücken, der bei Menschenkindern in den ersten Lebenswochen/monaten normal ist. Legst du dich beispielsweise auf den Rücken und dein Baby auf deine Brust, wird es automatisch die Beine anziehen und den Rücken runden, sodass es auf der liegt wie eine Schnecke. Je älter dein Kind ist und fortgeschrittener seine Entwicklung ist, umso weniger gerundet wird sein Rücken im Wachzustand sein.
  4. Die Anhockspreizhaltung sollte gegeben sein. Bitte was? Auch das ist eine ganz natürliche Haltung eines Babys. Die Beine sind angezogen und etwas angewinkelt, die Knie befinden sich in etwa auf Höhe des Bauchnabels. Um hier das Baby in seiner natürlichen Haltung zu unterstützen, sollte die Tuchbahn, bzw. der Steg der Tragehilfe von Kniekehle zu Kniekehle reichen.

 

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copyright Baby-Doo USA 2015

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Wann macht eine Trageberatung Sinn?

 

Immer! Hehe, klar dass ich das als Trageberatin sage, oder? Aber mal Spaß beiseite. Wenn du dich fit mit dem Tuch fühlst oder bereits eine Tragehilfe hast, mit der du zufrieden bist und unter Berücksichtigung der 4 Do´s beim Tragen (wie oben beschrieben), ist eine individuelle Beratung eine nette Zugabe, aber zwingend notwendig sicher nicht. Eine Trageberatung ist quasi wie ein Verwöhn-Paket in einem Wellnesstempel, das man sich gönnt. Da ist jemand, der nimmt sich Zeit, ist kompetent und bringt einem bei, was man lernen möchte oder hilft bei der Wahl der passende Tragehilfe und stellt einem die vorhandene Tragehilfe so ein, dass es für den Tragenden und das Baby passt. Du möchtest erstmal eine Tragehilfe testen, bevor du eine kaufst? Du möchtest sehen, wie 5 Meter Tuch im Nu verschwinden, wenn das Tuch fertig gebunden ist? Du bist dir unsicher, ob du der Tuch oder Tragenhilfen-Typ bist? All diesen Fragen geht eine Trageberatin mit dir auf den Grund 🙂

 

 

Und zu guter Letzt…

 

Nun bist du auf meinen Artikel gestoßen und wie wunderbar, ich schreibe hier nicht nur über`s Tragen (und andere Familienthemen), ich bin praktischerweise auch noch ausgebildete Trageberaterin mit Wirkungskreis im Stuttgarter Norden und südlichen Kreis Ludwigsburg. Ich bin hier im Umkreis glücklicherweise nicht allein, was den Vorteil hat, dass man sich unter Kolleginnen austauschen kann und ggfl. vermitteln kann, wenn die Entfernung oder der Terminkalender einen baldigen Beratungstermin gerade nicht zulassen. Eine Trageberaterin (oder Trageberater) in deiner Nähe findest du z.B. über Tante Google, die Trageschule Hamburg, das Tragenetzwerk oder Didymos.
Ich erhebe natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit 😉 Ich habe z.B. die TSHH erwähnt, weil ich dort meine Ausbildung gemacht habe. Es gibt selbstverständlich noch viele weitere wunderbare Trageschulen. Die sind alle super und findest du auch ganz leicht im Netz.

 

Und nun wünsche ich dir viel Spaß beim Tragen!

 

#HappyBabywearing

 

 

 

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